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Keinen Zirkus mehr ums Essen – Die 4-Rs moderner Ernährungserziehung

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Wer kennt das nicht: Mit Liebe und Mühe haben Sie das Mittagessen für den Nachwuchs zubereitet, aber dieser weigert sich zu essen und probiert erst gar nicht. Kurze Zeit später wird aber nach Brot, Joghurt oder Süßwaren verlangt.

In meinen Fachvorträgen in den Kindergärten berichten die Eltern, dass ihre Kinder den ganzen Tag gar kein Hungergefühl zu haben scheinen. Sie essen wie die Spatzen oder benötigen stundenlang für eine normale Portion. Außer bei Süßigkeiten oder Spagetti mit Tomatensauce…

Beim sogenannten „Vielesser“ kann keine Portion zu groß sein. Er mag alles und hat jederzeit großen Spaß am Essen. Jedoch wachsen diese Kinder oft nicht nur in die Höhe und der Kinderarzt diagnostiziert ein erhöhtes Gewicht… Dabei hat es den Eltern viele Jahre viel Freude bereitet, dieses Kind beim Essen zuzusehen. Es sei denn, der Vielesser ergänzt seine Essfreude mit schnellem und hastigen Essen, also schlingen. Da kann einem beim Zusehen auch schon mal der Appetit vergehen…

Kindern in der heutigen Zeit zu selbständigen, verantwortungsbewussten Essern zu erziehen, scheint zunehmend für die Eltern ein Rätsel zu sein. Doch gibt es einige einfache Regeln, die das Essen bei Tisch zu einer stressfreien Angelegenheit werden lassen.

Im Folgenden möchte ich Ihnen mein Modell vorstellen, mit dem ich in Beratung und Therapie arbeite, um Familien in dieser Situation zu unterstützen.

Die „4- R“s der Ernährungserziehung

Die „4- R“s der Ernährungserziehung bieten eine Leitlinie, wie der Essalltag in den Familien gestaltet werden kann, damit allen das Essen wieder Spaß macht.

R wie Ruhe bewahren

Kein Kind verhungert freiwillig. Und jedes Kind hat sein Instrument zur Essengestaltung in sich: Das Hunger- und das Sättigungsgefühl. Doch manchmal verlieren Kinder ihren „Draht“ zum Bauch. Sie essen nur noch, weil jemand drängelt. Oder warten schon auf das Szenario, was kommt, da es ja irgendwie immer ähnlich abläuft. Daher lautet die erste Empfehlung – sowohl für Viel- wie für Wenigesser: Eltern fahren ihre Emotionen runter und halten ihren Mund, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Das ist schwerer, als es sich anhört. Und sehr wirksam.

R wie Rhythmus

Hunger ist bekanntlich der beste Koch. Bauen Sie eine Zeitenstruktur in den Alltag: Kinder brauchen 4-5 Mahlzeiten. Zwischen den Mahlzeiten lassen Sie bitte mindestens 2 bis 3 Stunden Esspausen. Keine Zwischenmahlzeiten zwischen den Zwischenmahlzeiten. Auch keine Obst, kein Knäckebrot oder kalorienreiche Getränke wie Milch oder Saft. Das verhindert den Appetit bei den Mahlzeiten.

R wie Regeln

Es gibt Elternregeln und es gibt Kinderregeln.

Die Eltern bestimmen, wann wo und wie gegessen wird. Und sie übernehmen auch das „Was“, sprich das Speisenangebot. Dabei ist es durchaus erlaubt, sich an den dem Kind vertrauten Lebensmitteln zu orientieren. Aber die Eltern sind der „Chef“ beim Einkauf.

Die wichtigste Elternregeln lautet übrigens: Eltern sind den Kindern ein gutes Vorbild.

Die Kinder bestimmen, ob und wie viel sie essen.

Die wichtigste Kinderregel lautet: Mein Bauch gehört mir. Nur ich weiß, wie viel Hunger ich habe und wie viel ich brauche, um satt zu werden. Und ich übe herauszufinden, wie viel ich essen sollte, um bis zur nächsten Mahlzeit gut zurechtzukommen…

R wie Rituale

Gestalten Sie eine angenehme Atmosphäre während der Mahlzeit.

Wenn Eltern zu viel meckern, wirken sie als Vorbild im Meckern und die Vorbildfunktion rund ums ausgewogene Essen gerät in den Hintergrund.

Essen Sie so oft es geht gemeinsam als Familie. Das Essen findet optimalerweise am Esstisch statt. Dabei bleibt der Fernseher aus.

Lassen Sie die Kinder helfen beim Eindecken und bei der Gestaltung der Tischdeko. Kinder im Kindergartenalter lieben „Dienste“. Sie mögen es mit Aufgaben in die Abläufe eingebunden zu werden.

Kinder können sich auch schon früh die Speisen selbst auf den Teller geben. Auch das wird optimalerweise verbunden mit Ritualen: Eine Probierportion bei neuen Speisen, 1 Esslöffel bei „Zwergenhunger“, 2 Esslöffel bei „Riesenhunger“ … und Nachnehmen geht natürlich auch. Bei den Viel- und Schnellessern eventuell erst, wenn die anderen ihre Portion auch schon aufgegessen haben…

Wenn Kinder Speisen ablehnen oder nicht probieren wollen, halten Sie sich zurück mit Kritik und versuchen Sie die Situation als Anlass für eine Reflektion zu nutzen. Das gelingt mit den „Wie-Wörtern“, auch Adverbien genannt, die zum Beschreiben von Eigenschaften geeignet sind.

Kleines Repertoire an Fragen

„Was gefällt dir nicht am Gericht? Riecht es dir zu streng, zu süß, zu sauer, zu mächtig, nach etwas, was dir unangenehm in Erinnerung ist?“

„Was schmeckt dir nicht? Ist dir die Speise zu sauer, zu bitter, zu fade, zu matschig, zu hart, zu weich?“

Gehen Sie nicht davon aus, dass das Kind gleich die passende Antwort weiß. Aber nach mehrmaligem Anwenden lernen Sie mehr von Ihren Kindern kennen und die Kinder von der Vielfältigkeit der Beschaffenheit von Lebensmitteln.

„Aha, du magst Gemüse lieber, wenn es weicher ist. Und wenn es nicht grün, sondern eher rot ist. Und wenn es eher süß schmeckt und nicht bitter. Na, da kann ich ja mal Möhren kochen, ich finde die passen dazu. Aber am besten probierst du es selbst einmal. Vielleicht liegt es ja auch am Würzen…“

Sie lesen, oft ist die Kommunikation – ob weniger oder mehr – das Geheimnis des Erfolges.
Und dem Koch alle Ehre – aber ein Kind darf auch mal etwas nicht mögen, ohne dass es als Vorwurf gemeint ist.

Ernährungserziehung hat ganz viel Zwischenmenschliches. Und viel mit Wahrnehmung zu tun. Für individuelle Probleme stehe ich Ihnen gern in meiner Praxis zur Verfügung.

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